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Stern-Exkursion zum Knechtsand - Making Of

Es ist Frühsommer 2021. Die Kurssaison von SeaKayak Kehdingen läuft prächtig. Viele Kurse sind ausverkauft, das Wetter ist gut und ich bin in jeder freien Minute auf dem Wasser. Da klingelt das Telefon. "Guten Tag. Ich bin Journalist vom Stern und möchte einen Beitrag über Wildnis in Deutschland schreiben. ich habe herausgefunden, dass der Knechtsand der wildeste Ort Deutschlands ist. Können Sie mich mit dem Kajak da hin bringen?".
Mein erster Gedanke ist: "Weiß der überhaupt, was er da fragt?" Aber ich bin neugierig geworden. Also höre ich weiter zu. Und erfahre so spannende Dinge, die ich bisher auch noch nicht wusste. Zum Beispiel, dass der Knechtsand der Ort in Deutschland ist, der am weitesten von irgendeiner Straße entfernt ist.

Der Anrufer ist Stephan Maus vom Stern und er berichtet mir, dass er schon mal Seekajak gefahren sei. Also zumindest eine grobe Vorstellung davon hat, dass das ganze vielleicht etwas schwierig sein könnte. Er sagt auch einen weiteren Satz, der mir etwas mehr Zutrauen gibt: "Es kann ja auch sein, dass das Ganze nur eine Schnapsidee ist, aber das kann ich nicht gut beurteilen."

Ich verspreche also, mir mal zu überlegen, ob das Unterfangen machbar sein könnte und was die Voraussetzungen wären. Auf meinen Einwand "Wir brauchen perfekte Bedingungen, passende Tide, wenig Wind und das Tageslichtfenster muss auch passen." erwidert er, dass es komplex werden würde, hätte er sich schon gedacht. Ob ich denn trotzdem mal überlegen würde, ob und wie das möglich wäre.

Also vereinbaren wir, dass ich mir mal Gedanken machen würde, welcher Tag denn gegebenenfalls geeignet und was die Voraussetzungen wären.

Ich habe tatsächlich einen Termin Anfang September gefunden, wo zumindest Tide und Tageslicht zusammen passen sollten. Wir telefonieren also wieder und machen uns an die Detailplanung. Wir benötigen noch einen Fotografen. Nachdem der Termin steht ist auch der bald gefunden: Maximilian Mann wird uns begleiten und die Exkursion fotografisch dokumentieren. Wir vereinbaren auch, dass wir am Tag vor der geplanten Exkursion ein kleines Sicherheitstraining auf der Oste machen, um draußen auf der Nordsee vorbereitet zu sein. Insbesondere da Maximilian vorher noch nie Kajak gefahren ist, ein absolutes Muss.


Morgengrauen an der Wurster Nordseeküste
Morgengrauen an der Wurster Nordseeküste

Jetzt muss also nur das Wetter noch mitspielen. Das können wir leider nicht so weit im Voraus planen. Wir vereinbaren, eine Woche vor dem geplanten Termin nochmalszu telefonieren.

Während die Zeit vergeht und der September immer näher rückt, beginne ich Details zu planen: Wann müssten wir starten? Wie lange wären wir unterwegs? Wo können wir Pausen machen, auch zum Fotografieren? Was wären die Bedingungen, unter denen ich das Vorhaben abbrechen würde? Ich behalte auch die mittelfristige Wetterprognose im Auge: wie verlagern sich Hoch- und Tiefdruckgebiete? Wo verlaufen Jetstream und Luftmassengrenzen? Wie entwickelt sich die Wassertemperatur? All diese Dinge beeinflussen die Wahrscheinlichkeit, dass die Wetterbedingungen tatsächlich stabil genug sind für unser Vorhaben.

Als unser geplantes Datum dann näher rückt, kristallisiert sich immer mehr heraus, dass es wirklich klappen könnte. Auch wenn ich das Stephan gegenüber nicht so gesagt habe, habe ich es für sehr unwahrscheinlich gehalten, dass wir unser Vorhaben tatsächlich verwirklichen könnten. Ein kleines Restrisiko bleibt noch, da die Wettermodelle zwar wenig Wind vorhersagen, aber ein nicht unerhebliches Gewitterpotential möglich scheint. Wir beschließen aber trotzdem die Planungen fortzuführen und die Wetterlage im Auge zu behalten.

Wir verabreden uns dann tatsächlich zum Sicherheitstraining auf der Oste. Die Sonne scheint, es ist warm: wir stellen die Kajaks ein und ich gebe eine Kurzeinweisung in unser Material und in Paddeltechnik. Dann geht es aufs Wasser. Maximilians erste Kajaktour endet nach 20 Sekunden im Wasser: Kenterung direkt nach dem Einstieg. Das ist der Moment in dem ich denke "Vielleicht war das Ganze doch keine gute Idee."

Doch der erste Schreck dauert nur kurz. Der zweite Versuch abzulegen klappt besser und wir sind zu dritt auf dem Wasser. Wir üben grundlegende Paddelschläge und ich erkläre, wann ein Kajak stabil ist und wann es umkippt. Dann wird es wieder nass - wir üben Kentern, unter Wasser aussteigen und den Wiedereinstieg auf dem Wasser. Die beiden Journalisten stellen sich gut an und machen alles brav mit. Ich werde optimistisch, dass die Tour zum Knechtsand tatsächlich durchführbar sein könnte. Nur das Gewitterrisiko macht mir noch etwas Sorgen. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen in Spieka-Neufeld. Wir wollen uns eine Stunde vor Sonnenaufgang treffen und mit dem ersten Tageslicht auf die Nordsee aufbrechen. Die Zeitplanung für diese Tour gibt die Tide vor.

Früh morgens am nächsten Tag werde ich unsanft geweckt: Blitz und Donner über Osten. "Ach Du Schreck!" denke ich und überlege ob ich die Fahrt direkt absagen soll. Ein Blick ins Wetterradar zeigt dass die Gewitter "nur" über Land sind. Janina und ich beschließen, zumindest mal nach Spieka-Neufeld zu fahren und dann vor Ort zu entscheiden, was wir machen. Also brechen wir in aller Frühe auf - gefrühstückt wird im Auto - um zur vereinbarten Zeit am Treffpunkt zu sein. Unter beständigem Wetterleuchten erreichen wir Spieka-Neufeld. Dort erwarten uns bereits unsere beiden Mitstreiter mit bangem Blick gen Himmel. Ein weiteres Mal wandert der Blick aufs Smartphone und die Wetterapp. Die Gewitter bleiben beständig über Land, von See her klart es auf. ich überlege welche Optionen es gibt, wenn wir nach einer Stunde merken, dass wir lieber doch nicht auf der Nordsee sein sollten. Die Einstiege an der Wurster Nordseeküste sind nur in einem recht kleinen Zeitfenster um Hochwasser herum für uns verwendbar. Der Kutterhafen ist jedoch immer erreichbar. An den Sportbootstegen könnten wir mit etwas Mühe auch aussteigen. Also treffen wir die Entscheidung: wir wagen es.

Im Schein der Stirnlampen wird die Ausrüstung überprüft und die Kajaks gepackt. Wir werden acht Stunden auf See sein. Die Fotoausrüstung muss wasserdicht verpackt werden und Verpflegung und Wasser für den Tag müssen in die Boote. Janina und ich packen noch die weitere Sichereheitsausrüstung wie Ersatzpaddel, Funkgerät, Seenotleuchten in die Boote. Eine letzte Vergewisserung: Sind alle fit?

Und dann sind wir auf dem Wasser, mit Kurs auf die offene See. Stirnlampen und Positionslichter sorgen für etwas mehr Licht in der Dämmerung.


in Landnähe können wir den Priggen folgen
in Landnähe können wir den Priggen folgen

Wir kommen gut voran. Die Bedingungen sind tatsächlich so perfekt, wie wir es uns gewünscht haben: ein leichter Wind mit ein bis zwei Windstärken, die Wolkenreste klaren immer weiter auf und die aufgehende Sonne kommt durch. Wie erhofft bleiben die Gewitter über Land und werden weniger. Wir folgen den Priggen aus dem Spiekaer Tief heraus in Richtung Robinsbalje. Nach ungefähr eineinhalb Stunden ist das Wasser weit genug gefallen, dass eine kleine Sandbank sich aus der Nordsee erhebt. Diese Sandbank liegt nicht in der Schutzzone des Nationalparks, also schlage ich vor, anzulanden für Fotos und um uns ein wenig die Beine zu vertreten. Die beiden Journalisten nehmen den Vorschlag freudig auf. Sie sind langes Paddeln nicht gewohnt und waren noch nie mit dem Kajak auf der Nordsee.


Fotosession auf der Sandbank im Licht der aufgehenden Sonne
Fotosession auf der Sandbank im Licht der aufgehenden Sonne

Noch sind wir in Sichtweite des Festlandes, aber es fühlt sich bereits an wie eine einsame Sandbank mitten in der Nordsee. Das liegt natürlich auch daran, dass wir immer noch bei Mittelwasser sind, der Wasserstand der Nordsee also noch lange nicht alle Sandbänke freigegeben hat. Insbesondere der Östliche Teil des Knechtsandes liegt noch unter Wasser. Unser Ziel ist noch nicht in Sicht. Stephan und Maximilian schauen in Richtung Westen und fragen sich, wo genau dort draußen in der blauen Weite denn unser Ziel liegen soll.

Die Tide ist auf unserer Seite. Der Ebbstrom hat bereits sehr merklich eingesetzt. Wir setze wieder ein und folgen der Robinsbaljie nach Westen. Die rote Fahrwassertonne des Weser-Elbe-Fahrwassers lassen wir schnell hinter uns. Priggen gibt es hier draußen keine mehr, in der Robinsbalje liegen noch einige wenige grüne Fahrwassertonnen, denen wir folgen. Das frühzeitige Erkennen ist nicht immer ganz einfach. Stephan und Maximilian folgen uns, auch wenn sie die Tonnen noch nicht selbst entdeckt haben. Langsam schälen sich der Knechtsand und der Eversand hell leuchtend aus den blauen Fluten der Nordsee und die Robinsbalje nimmt den Charakter eines breiten Flusses an.


Seekarte und Kompass weisen den Weg in Richtung Knechtsand
Seekarte und Kompass weisen den Weg in Richtung Knechtsand

Es kommt ein wenig Wind auf und hier draußen bedeutet das, dass auch die Wellen etwas größer werden. Für geübte Seekajakfahrer nicht der Rede wert. Aber unsere kleine Gruppe besteht nicht nur aus geübten Seekajakfahrern. Immer wieder schaue ich mich um, wie Stephan und Maximilian mit den Wellen und den Kajaks zurecht kommen. Alles sieht gut aus. Das Training am Vortag hat seinen Zweck nicht verfehlt.

Wir werden von Seeschwalben begleitet und setzen einen Paddelschlag nach dem nächsten. Die Fahrt zum Knechtsand ist eine der schönsten Seekajaktouren Deutschlands, eben weil man so weit draußen so alleine ist. Wir sind die einzigen Boote weit und breit. Maximilian gelingt es trotz seiner wenigen Kajakerfahrung immer wieder auch aus dem Boot zu fotografieren. Solange das geht bin ich beruhigt.

Dann zeichnet sich vor uns endlich die helle Fläche des Knechtsandes ab. Wir sind fast am Ziel.

Der Hohe Knechtsand ist Kernzone des Wattenmeernationalparks. Dort gehört alles den Seevögeln. Mit den Kajaks bei Niedrigwasser haben wir sowieso keine Chance den Inselbereich zu erreichen. Aber sehen wollen wir den hohen Knechtsand schon. Also paddeln wir an der Sandbank entlang durchs Fahrwasser der Robinsbalje, bis wir zu einem sehr alten Schiffswrack kommen. Hier können wir am Fahrwasserrand anlanden und uns im engen Umfeld unserer Kajaks aufhalten. Wir sind am Ziel. Weit draußen auf der Nordsee und doch stehen wir mit unseren Füßen auf trockem Sand.


Altes Schiffswrack auf dem Knechtsand
Altes Schiffswrack auf dem Knechtsand

Von dem Schiff ragen nur noch ein paar Holzspanten aus dem Sand in die Luft. Ich weiß nicht wie alt dieses Wrack ist, aber die Nordsee hat ganze Arbeit geleistet, es zu zerlegen und abzutransportieren. Die Holzpfähle wirken hier draußen wie Wegweiser aus einer fremden Welt.
Von unserem Rastplatz aus haben wir einen guten Blick über den Knechtsand bis hin zu Hohen Knechtsand, aber auch über die Robinsbalje auf die freie Nordsee und im Süden hinüber zum Eversand. Das Festland ist weit weg. Wir sind hier draußen allein. Ungefähr 8 Seemeilen von der Wurster Nordseeküste und damit dem nächsten Festland entfernt. Hier draußen ist Deutschland wirklich wild und die Zivilisation weit weg. So wie Stephan es sich gedacht hat.

Wie wild das "Wilde Deutschland" hier im Wattenmeer sein kann, davon künden die zahlreichen Schiffswracks auf dem Knechtsand. Nicht nur das alte Holzschiff, das uns den Landeplatz anzeigt, sondern auch die Stahlkolosse, die im Wechsel zwischen Salzwasser und Sonne vor sich hinrosten. Jede Struktur die wir sehen und die über Sanddünen und vereinzeltes Buschwerk hinausragt, ist ein Schiffswrack. Die Nordsee kann unerbittlich sein. Aber zum Glück nicht heute.


Stahlkolosse im Sand - Wracks sind auf dem Knechtsand keine Seltenheit
Stahlkolosse im Sand - Wracks sind auf dem Knechtsand keine Seltenheit

Vom Ebbstrom getrieben, haben wir den Knechtsand kurz vor Niedrigwasser erreicht. Die Mittags- und Fotopause dauert wie geplant etwas länger. Es gibt so viel zu entdecken. Wir müssen die Kajaks im Auge behalten. Die einsetzende Flut lässt den Wasserstand ansteigen und wir wollen hier draußen auf keinen Fall ohne Boote stehen.

Es wird Zeit, uns auf den Rückweg zu machen. Wir haben noch einige Stunden Paddeln vor uns. Der Flutstrom hat bereits voll eingesetzt als wir aufbrechen. Ich schlage vor, uns einfach in die am Ufer liegenden Kajaks zu setzen und zu warten, bis diese schwimmen. Im ersten Moment ernte ich etwas erstaunte Blicke, aber Stephan und Maximilian machen das Spiel mit. Also setzen wir uns trockenen Fußes in die Boote und warten.

Wir müssen nicht lange warten. Fünf Minuten später schwimmen dien Kajaks auf, so schnell steigt die Flut. Wir tauchen unsere Paddel wieder ins Nordseewasser und wenden unsere Kajaks nach Osten, dem Festland entgegen.


trockenen Fußes einsteigen und warten bis die Kajaks schwimmen - das geht nur an der Nordsee
trockenen Fußes einsteigen und warten bis die Kajaks schwimmen - das geht nur an der Nordsee

Wir paddeln auf die Steuerbordseite des Fahrwassers in der Robinsbalje und fahren damit dicht an den Oberen Knechtsänden und dem Eversand vorbei. Hier gibt es eine kleine Kolonie Kegelrobben. Einige Robben sind neugierig und folgen uns im Wasser. Im Kajak auf dieses größte Raubtier Deutschlands zu treffen ist immer wieder ein ganz besonderes Erlebnis.

Nach weiteren zweieinhalb Stunden Paddeln auf der Nordsee - ostwärts, der Küste entgegen - erreichen wir den kleinen Hafenpriel von Spieka-Neufeld. Mittlerweile scheint die Sonne durchgängig und es ist herrlich warm. Der Wasserstand ist mittlerweile wieder hoch genug, so dass wir anlanden können. Acht ereignisreiche Stunden auf der Nordsee liegen hinter uns. Wir steigen aus den Kajaks und strecken Arme und Beine aus. Um uns herum Touristenscharen, die aufs Meer blicken und nur erahnen können, was wir da draußen gesehen haben könnten. Für Stephan fängt die Arbeit jetzt erst an: die gesammelten Eindrücke und Informationen in einen druckreifen Text zu überführen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen!

Vielen Dank an Stephan und Maximilian für eine spannende Reise und eine auch für mich sehr ungewöhnliche Tour.


Land in Sicht!
Land in Sicht! Nach acht Stunden erreichen wir wieder das Festland

Stephan hat die Erlebnisse unserer Tour zum Knechtsand in einem Artikel für den Stern beschrieben, mit Bildern von Maximilian: In der Ausgabe Nr. 46 vom 11.11.2021 ab Seite 54 in der Reihe "Wildes Deutschland".
www.stern.de


Unsere Kajaks auf der Tour waren die Modelle Bylgja, Idun und Freyja von Norse. Unsere Paddel waren TNP Nekton Seekajakpaddel. Sowohl die Kajaks als auch die Paddel kommen auch in den Kursen von SeaKayak Kehdingen zum Einsatz.